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TOURISTEN!

Immer häufiger höre und lese ich ein Stöhnen und Lamentieren über die sog. „Touristen-Horden“, die einem das ausgiebige Feiern in Berlin anstrengend bis unmöglich machen. Easyjet-Raver dringen sogar bis in die Underground-Clubs, also die geliebten, avantgardistischen Freiräume vor. Womöglich fangen wir uns sogar die Schweinegrippe ein, wenn wir im Club XY dem verschwitzten, nächtlichen Treiben beiwohnen.

Diese Überfremdungsparanoia, Underground-Gralshüterei ist zwar an der Oberfläche noch irgendwo nachvollziehbar, dennoch müssen wir uns dabei ein paar Dinge vor Augen halten:

Berlin LEBT vom Feiern, lebt davon, dass nirgendwo sonst auf der Welt die Nächte so frei durchgetanzt werden können, dass hier die Preise noch so moderat sind, dass auch das einheimische Prekariat am Nachtleben teilhaben kann (vor allem, wenn man mal die Eintrittspreise der Groß-Clubs wie Berghain und Watergate mit denen der balearischen Tanztempel vergleicht).

Natürlich ist ein Teil der Media-Spree-Gegnerschaft verlogen, wenn dieser „Spreeufer für alle“ fordert, aber eine harte Tür fährt und dank medialer Omnipräsenz noch mehr Leute vor der Tür stehen hat. Natürlich ist das Kommerz. Nur ist diese Gewinnorientierung aus meiner Sicht völlig legitim, so lange im jeweiligen Laden selbst sich nicht zu sehr auf die touristischen Bedürfnisse eingestellt wird. Man will halt davon auch leben und was fürs Alter zurücklegen können. Daher ist in Zeiten, in denen Angestelltenverhältnisse samt Rentensicherheit nur noch ein utopisches Relikt aus den 80ern sind, so ein Geschäftsgebaren einfach gezwungenermaßen nötig.

Ein weiterer Einwand bezüglich der Ballermann-Werdung von B-Mitte: Die lautesten Menschenansammlungen, die den Bereich um Hackeschen Markt so unausstehlich machen, sind nicht unbedingt touristische Pub-Crawls sondern viel häufiger Junggesellenabschieds-Gruppen, also „Eingeborene“.

Ich mag jedenfalls lieber mit gut gelaunten Vergnügungssüchtigen aus aller Welt zusammen die Nacht verbringen, als mir Molle und Korn am Stammtisch einer muffeligen Eckkneipe servieren zu lassen, um „unter Berlinern“ zu bleiben.

Berlin Festival Nachlese

Ich will versuchen, meine Nachberichterstattung zum ersten Berlin Festival auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof möglichst ausgewogen zu halten.

Denn es war bei weitem nicht alles so schlecht wie befürchtet:

Auf der zweiten Bühne konnten mich zumindest zwei Bands sehr begeistern, von denen ich einer gegenüber im Vorhinein äusserst kritisch eingestellt war.

1000 Robota aus Hamburg, diese großkotzigen, milchbubigesichtigen Lausebengel, spielten ein Konzert, dass man wirklich zum Besten zu zählen kann, was ich je von einer deutschen Band erlebt habe: Schräg, krachig, provokant und dennoch mit einem einnehmenden Charme vorgetragen. Gerade Sänger/Gitarrist Anton Spielmann strahlt eine unverschämte Selbstsicherheit aus, die man so nicht von der eher verhuschten bzw. bierkumpelhaften Indie-Sippschaft kennt. Da passt dann auch ein Kollektiv-Rundumschlag gegen eine ganze Reihe von deutschen Bands gut ins Bild.

Ein weiteres Mal boten später am Abend  Bonaparte eine mitreissende Show zwischen Bar 25-Glitzer, Burlesque, Glamrock und Strassenmusiker-Punk.  Ihr kostümierter Wahnsinn toppte sowohl hinsichtlich der euphorisierten Zuschauer-Stimmung als auch von der Show her die sonst das Ranking der wahnsinnigsten Live-Bands anführenden Deichkind! An dieser Stelle auch mal ein Sonderlob an das muskelbepackte Tier von Schlagzeuger.

Nachdem Deichkind ihren eventuell letzten Gig ever absolviert hatten, gab’s so richtig gute Stimmung eigentlich nur noch an der niedlich improvisierten Mobile Disco, wo u.a. die Damen von Menage A Trois,  sowie zwei DJ-Teams von der Villa (Yeah Fool! und Schlechtboys feat. Dr. Albern) mit trashigen Pop-Hits und Elektro auftrumpften.

Soweit zu den Dingen, die den zweiten Abend des Berlin Festivals letztlich zu einem gelungenen machten. Kritik soll aber auch hier passieren, denn nichts mehr wünsche ich mir, als dass das Berlin Festival wieder in Tempelhof stattfindet, und dass die Negativpunkte dann nicht noch mal so krass ausfallen.

Der erste große Bock wurde schon im Vorfeld erlegt: Wie die Berliner Morgenpost berichtete, durfte die ursprünglich open air geplante Hauptbühne nur bis Mitternacht laut beschallt werden, weshalb diese dann in einen großen Hangar verlegt wurde. Dessen Akustik kann man euphemistisch ausgedrückt als „suboptimal“ bezeichnen. Mitten in der Stadt von Bühnenzeiten auszugehen, die bis in den frühen Morgen hineinreichen, war einfach völlig fehlgeplant und naiv. Selbst wenn es zuvor unklare oder missdeutbare Aussagen von Seiten der Vemieter des Geländes gab, hätte man diese nicht so blauäugig auslegen dürfen.

Auch die zweite Bühne klang eigentlich nur im Sweep Spot direkt davor eträglich, während das Gelände, das zum Großteil unter dem Vordach des Rollfeldes lag, dumpf verhallt wurde.

Die Ausleuchtung war verglichen mit dem Meltfestival, dass von einem zum Großteil deckungsgleichen Team veranstaltet wird,  wesentlich sparsamer ausgefallen. Hier hätte ich etwas mehr erwartet.

Wirklich toll gemacht war dafür der Eingangsbereich, mit den Anzeigetafeln, der Gästeliste an den Check-In-Schaltern und der äusserst freundlichen Security. Allerdings war die Entscheidung, für normale Besucher den Wiedereinlass nur mit Ticket zu ermöglichen ein Quasi-Einsperren auf dem Gelände, wo Biersorte und -Preis doch sehr schmerzhaft ausfielen. Den „Gefangenenlager-Eindruck“ verstärkte dazu noch ein Absperrzaun, der quer übers Rollfeld ging,  und wohl dazu diente, die Zuschauermenge größer aussehen zu lassen. Der Athmosphäre war dies nicht gerade dienlich.

Der Club-Berlin Floor und die  sog. Airbase One wurden wenig bis gar nicht angenommen, was für die dort aufgebotenen Szene-DJs sicherlich zu berechtigter Frustration führte.

Bei so viel Indoor-Potential, dass das Flughafen-Gebäude bietet (immerhin eines der größten Gebäude der Welt),  wäre vielleicht ein Festival-Variante im Winter eine lohnenswerte Alternative.

Ich hoffe, dass das Berlin Festival im nächsten Jahr besser das Gelände zu nutzen weiß. Ich bin jedenfalls sehr gespannt.

Provinzposse aus Berlin-Mitte (Vorabkritik zum Berlin Festival)

http://www.morgenpost.de/berlin/article1145362/Tempelhof_Anwohner_leiden_jetzt_unter_Party_Laerm.html

Unter Bezugnahme auf diesen Artikel möchte ich doch folgendes zum Berlin Festival anmerken: So bedauerlich dieser Ärger jetzt für die Festivalmacher ist – man hätte  da von Anfang schon mit rechnen und dem entgegen wirken können und müssen. Sogar damals im lauschigen Paaren im Glien, mussten die Bands vor zwölf fertig sein).

Falls wegen der Auflagen nun Slots/Acts wegfallen, ist das definitiv einer gewissen Fahrlässigkeit geschuldet.

Aber vielleicht scheitert das Gastspiel von Peter Doherty eh schon bei der Anreise, und Moderat und Peaches die am Freitag ihm zeitlich noch folgen, haben auch schon so oft in Berlin gespielt, dass da für wohl kaum noch wer extra Eintritt zahlen mag.

Diese Posse ist jedenfalls Grund genug, diesen Blog zu reaktivieren.

Mit bissigen Grüßen,

Der Ausgänger