Berlin Festival Nachlese

Ich will versuchen, meine Nachberichterstattung zum ersten Berlin Festival auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof möglichst ausgewogen zu halten.

Denn es war bei weitem nicht alles so schlecht wie befürchtet:

Auf der zweiten Bühne konnten mich zumindest zwei Bands sehr begeistern, von denen ich einer gegenüber im Vorhinein äusserst kritisch eingestellt war.

1000 Robota aus Hamburg, diese großkotzigen, milchbubigesichtigen Lausebengel, spielten ein Konzert, dass man wirklich zum Besten zu zählen kann, was ich je von einer deutschen Band erlebt habe: Schräg, krachig, provokant und dennoch mit einem einnehmenden Charme vorgetragen. Gerade Sänger/Gitarrist Anton Spielmann strahlt eine unverschämte Selbstsicherheit aus, die man so nicht von der eher verhuschten bzw. bierkumpelhaften Indie-Sippschaft kennt. Da passt dann auch ein Kollektiv-Rundumschlag gegen eine ganze Reihe von deutschen Bands gut ins Bild.

Ein weiteres Mal boten später am Abend  Bonaparte eine mitreissende Show zwischen Bar 25-Glitzer, Burlesque, Glamrock und Strassenmusiker-Punk.  Ihr kostümierter Wahnsinn toppte sowohl hinsichtlich der euphorisierten Zuschauer-Stimmung als auch von der Show her die sonst das Ranking der wahnsinnigsten Live-Bands anführenden Deichkind! An dieser Stelle auch mal ein Sonderlob an das muskelbepackte Tier von Schlagzeuger.

Nachdem Deichkind ihren eventuell letzten Gig ever absolviert hatten, gab’s so richtig gute Stimmung eigentlich nur noch an der niedlich improvisierten Mobile Disco, wo u.a. die Damen von Menage A Trois,  sowie zwei DJ-Teams von der Villa (Yeah Fool! und Schlechtboys feat. Dr. Albern) mit trashigen Pop-Hits und Elektro auftrumpften.

Soweit zu den Dingen, die den zweiten Abend des Berlin Festivals letztlich zu einem gelungenen machten. Kritik soll aber auch hier passieren, denn nichts mehr wünsche ich mir, als dass das Berlin Festival wieder in Tempelhof stattfindet, und dass die Negativpunkte dann nicht noch mal so krass ausfallen.

Der erste große Bock wurde schon im Vorfeld erlegt: Wie die Berliner Morgenpost berichtete, durfte die ursprünglich open air geplante Hauptbühne nur bis Mitternacht laut beschallt werden, weshalb diese dann in einen großen Hangar verlegt wurde. Dessen Akustik kann man euphemistisch ausgedrückt als „suboptimal“ bezeichnen. Mitten in der Stadt von Bühnenzeiten auszugehen, die bis in den frühen Morgen hineinreichen, war einfach völlig fehlgeplant und naiv. Selbst wenn es zuvor unklare oder missdeutbare Aussagen von Seiten der Vemieter des Geländes gab, hätte man diese nicht so blauäugig auslegen dürfen.

Auch die zweite Bühne klang eigentlich nur im Sweep Spot direkt davor eträglich, während das Gelände, das zum Großteil unter dem Vordach des Rollfeldes lag, dumpf verhallt wurde.

Die Ausleuchtung war verglichen mit dem Meltfestival, dass von einem zum Großteil deckungsgleichen Team veranstaltet wird,  wesentlich sparsamer ausgefallen. Hier hätte ich etwas mehr erwartet.

Wirklich toll gemacht war dafür der Eingangsbereich, mit den Anzeigetafeln, der Gästeliste an den Check-In-Schaltern und der äusserst freundlichen Security. Allerdings war die Entscheidung, für normale Besucher den Wiedereinlass nur mit Ticket zu ermöglichen ein Quasi-Einsperren auf dem Gelände, wo Biersorte und -Preis doch sehr schmerzhaft ausfielen. Den „Gefangenenlager-Eindruck“ verstärkte dazu noch ein Absperrzaun, der quer übers Rollfeld ging,  und wohl dazu diente, die Zuschauermenge größer aussehen zu lassen. Der Athmosphäre war dies nicht gerade dienlich.

Der Club-Berlin Floor und die  sog. Airbase One wurden wenig bis gar nicht angenommen, was für die dort aufgebotenen Szene-DJs sicherlich zu berechtigter Frustration führte.

Bei so viel Indoor-Potential, dass das Flughafen-Gebäude bietet (immerhin eines der größten Gebäude der Welt),  wäre vielleicht ein Festival-Variante im Winter eine lohnenswerte Alternative.

Ich hoffe, dass das Berlin Festival im nächsten Jahr besser das Gelände zu nutzen weiß. Ich bin jedenfalls sehr gespannt.

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Eine Antwort zu “Berlin Festival Nachlese

  1. Treffend formuliert mit der Wahrung von Restobjektivität, besonders „suboptimal“ ist mehr als schmeichelhaft für die unterirdische Akustik.

    Ich kann nur zustimmen!

    .

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